CVJM-Reise nach Belarus

CVJM-Reise nach Belarus

Birkenwasser ist lecker? Das glaube ich Euch nicht!“ Wie so vieles, muss ich diese neue Erfahrung auf meiner ersten Fahrt durch Weißrussland erst einmal verdauen. Das Anzapfen von Birken im Frühjahr ist nur ein Teil meiner Begegnungen in diesem Land. Neugierig haben mich Erzählungen von Uwe Lege über das bewundernswerte Projekt „Ferien vom verstrahlten Alltag“ schon im letzten Jahr gemacht.

Mein Entschluss stand bald fest: ich musste in 2017 einmal mit dem CVJM unter kundiger Leitung von Henning Könemann in dieses Land fahren, dessen Hauptstadt Minsk man üblicherweise in Deutschland nicht mal benennen kann.

Die Schule im kleinen Dorf Sakowzina (600 Einwohner) ist am Tag nach unserer Anreise der erste Anlaufpunkt. Galina, die ebenso muntere wie handfeste Schulleiterin, gibt uns Nachhilfe im Quasi-Sozialismus des autokratisch von Präsident Lukaschenko regierten Landes: sie haben im letzten Jahr zu viel Wasser und Strom verbraucht. Also sparen und den kleineren Wasserkocher für den Begrüßungstee nehmen. Liebevoll herausgeputzte Kinder, die im Sommer dann ihren Weg nach Deutschland in die Familien antreten werden, bringen uns folkloristische Ständchen und Volksweisen auf bemühtem Deutsch. Dass diese Sprache aus dem fernen Westen immer noch die erste Fremdsprache in diesem Landstrich ist, verwundert. Eigentlich müssten sich die Menschen hier nach den fürchterlichen Ereignissen vor 75 Jahren weigern, etwas Positives damit zu verbinden. Aber das ist meine eindrucksvollste Erfahrung, die ich in Weißrussland gemacht habe: hier leben warmherzige Menschen, die trotz vergangener und gegenwärtiger Katastrophen offen und freundlich mit uns umgehen. Sicher ist das auch ein Verdienst meiner „belaruserfahrenen“ Mitreisenden, die über nun fast 30 Jahre eine engagierte Arbeit vor Ort und in Deutschland geleistet haben. Hut ab!Belarus 2017 9

Gern besichtigen wir später die örtliche Poliklinik, die von einer figürlich imposanten Krankenschwester geführt wird. Im Ländlichen ist die medizinische Versorgung typischerweise so gewährleistet; Ärzte sind rar und werden nur bei schwereren Fällen hinzugezogen. Später habe ich dann auch in Woloshin die Gelegenheit, das örtliche Krankenhaus zu inspizieren. In etwa mit unserem Heimatkrankenhaus in Peine vergleichbar, vermittelt es einen soliden Eindruck, der die Lage im gesamten Land vielleicht wiedergibt: mit einfachen Mitteln werden Dinge und Probleme engagiert angegangen, teils auch geschickt improvisiert. Der Maximal- und Vollversorgungsanspruch unserer Gesellschaft hat hier natürlich keinen Platz.

Den Nachmittag des zweiten Tages verbringen wir mit unseren Gastgebern an einem See in einer Freizeitanlage. Hier ist dann die berühmte Trinkfestigkeit bei all den „Toasten“, die wir uns gegenseitig aussprechen, gefragt. Das Birkenwasser, das ich dabei kennen lerne, wird übrigens nicht dafür genommen…

Die Hauptstadt Minsk, in der fast 20 % der Einwohner Weißrusslands zuhause sind, wird am Freitag besichtigt. Der Unterschied zum ländlichen Woloshin ist groß; man könnte sich auch in einer anderen europäischen Metropole wähnen. Nach obligatem Rundgang durch die Stadt und Shopping in Leinengeschäften (eine Spezialität) können wir im Minsker Zirkus nochmals symbolisch die Diskrepanz zwischen Alt und Neu erfahren: gekonnte mit Laser unterstützte Akrobatik wechselt sich mit einer altertümlich anmutende Bärendressur ab. Letzteres gibt es bei uns bestimmt schon seit meiner Jugend nicht mehr in Deutschland.

Am nächsten Tag begegnet uns die düstere Vergangenheit in Dory, einem kleinen Ort, der 1943 von mordenden SS-Horden heimgesucht wurde. Die Schilderungen der Geschehnisse im kleinen Museum in der Dorfschule lassen uns stumm werden. Umso berührender ist dann auf unserem Weg zur (u.a. mit deutschen Geldern) neu erbauten Kirche das freundliche „Guten Tag“ (auf Deutsch!) einer älteren Bewohnerin auf der Straße. Fast hätte uns der Besuch einer orthodoxen Kirche auf dieser Reise gefehlt, aber Henning und Tatjana schaffen es tatsächlich, in Ivenez nach dem Mittagsmahl den örtlichen Popen zu überreden, uns außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten einen kurzen Einblick in das Gotteshaus zu gewähren. Als Erinnerung daran wird uns ein ikonengeschmückter Taschenkalender durch den Rest des Jahres führen.

Der letzte Abend gehört dann wieder unseren weißrussischen Freunden, mit denen wir im gemütlichen CVJM-Haus an üppig gedeckter Tafel nochmals den ein oder anderen Toast austauschen. Birkenwasser gehört dieses Mal nicht dazu, ich habe aber davon etwas mit nach Hause genommen, um meine Lieben dort davon zu überzeugen, wie lecker dieses ungewöhnliche Getränk ist.

Rüdiger v.Werder, Edemissen - April 2017